© Sonntagszeitung,  21. März 2004; Seite 93

Das Bessere als Feind des Guten

 

Dank Selbstkelterern wie der Familie Baumann werden die Weine Schaffhausens wahrgenommen
 

VON MARTIN KILCHMANN
«Habt ihr den Klettgau gut gefunden?» Die erste Frage des Winzers Ruedi Baumann dreht sich um den Weg. Denn in der Tat: So halbwegs weiss der Besucher, wo diese geografische Ausstülpung liegt, doch der Weg dahin verläuft nicht gradlinig. Er führt von Zürich über Eglisau und die Enklave Jestetten. Dann zieht sich die Strasse westwärts durch einen engen, waldgesäumten Korridor, bevor sich das Tal im Regenschatten des Schwarzwalds gegen Süden hin öffnet. In die Amphitheater-ähnliche Lage schmiegen sich Hallau und Oberhallau. Man befindet sich in ländlicher Abgeschiedenheit; über die Strassen hoppeln noch Hasen.
   Der Klettgau in Schaffhausen ist ein bedeutender Weinerzeuger. Rund 400 Hektar Reben - vier Fünftel der kantonalen Anbaufläche - bedecken die sanft gewellten Hügel. Im Winter eine karge, hart schraffierte Zeichnung; im Sommer ein grünes, wogendes Meer. Das Weingut von Ruedi und Beatrice Baumann - die beiden bewirtschaften den Familienbetrieb gleichberechtigt und partnerschaftlich - zählt zu den Exoten in der Region. Weit über die Hälfte der Produktion bestreiten die drei grossen Genossenschafts-verbände Schaffhausens (GVS), Schachenmann, Wein- und Rimuss-Kellerei Rahm und die Volg Weinkellereien. Sie werden von zahlreichen Traubenbauern beliefert. Dann beackern mittelgrosse Familienbetriebe wie Hedinger oder Schlatter das Feld. Auch sie betätigen sich vor allem als Traubenkäufer und -verwerter. Die reinen Selbstkelterer - Betriebe also, die vom Rebschnitt bis zum Verkauf alles in Eigenregie betreiben - sind an einer Hand abzuzählen. Neben den Baumanns gehören etwa Michael Meyer vom Bad Osterfingen, Jakob Richli vom Weingut Lindenhof oder die Stamms aus Thayngen dazu.

1978 wagte Vater Max den Sprung zum Einkellerer und Selbstvermarkter
Diese traditionellen Strukturen sind sicherlich ein Grund dafür, dass die Weine Schaffhausens überregional einen etwas biederen Ruf besitzen. Es bräuchte womöglich ein paar Selbstkeltererbetriebe mehr, um Schaffhausen nachhaltig ins Gespräch zu bringen. So wie die Tessiner Merlot-Produzenten, die eindrücklich vorgeführt haben, dass nur mit persönlich gefärbten, engagierten und charaktervollen Weinen ein entscheidender Sprung zu schaffen ist.
   Das Baumann Weingut ist ein Pionierbetrieb. 1978 wagte Vater Max den Sprung vom Traubenverkäufer zum Einkellerer und Selbstvermarkter. 3,5 Hektar betrug die Anbaufläche damals, mittlerweile ist sie kontinuierlich auf 7,5 Hektar gewachsen. Von Beginn weg tatkräftig dabei war Sohn Ruedi, Jahrgang 1959. Seine solide Ausbildung als Winzer und Weinküfer, gekrönt mit der Wädenswiler Meisterprüfung, befähigte ihn zur erfolgreichen Steuerung des anfänglich noch fragilen Weinbötchens.
   Ruedi Baumann wirkt zunächst introvertiert und abwartend. Doch entzündet sich das Gespräch an seinen markanten Weinen, tritt ein trockener Humor zu Tage. Und rasch wird spürbar, dass auch in ihm, wie in allen,

 
Sich mit Haut und Haar der Qualität verschrieben: Beatrice und Ruedi Baumann    FOTO: BRUNO SCHLATTER
  die sich auf ihrem Gebiet mit Haut und Haar der Qualität verschrieben haben, das Feuer der Leidenschaft glimmt.Der Antrieb, sich nicht zufrieden zu geben mit dem Erreichten, sondern stets das Bessere zu suchen.
   Anders Ruedis Frau Beatrice. Wo jener sich bedächtig einer Sache nochmals vergewissern will, wagt sie kühn den Schritt ins Offene. Seit ihre drei Buben selbstständiger geworden sind, arbeitet sie voll mit im Betrieb - in den Reben wie im Büro, beim kritischen Degustieren wie im Verkauf. Jetzt zum Beispiel brennt sie darauf, ihren Kunden die ersten Muster des einzigartigen und unvergleichlichen Jahrgangs 2003 zu präsentieren, während Ruedi den überaus konzentrierten, opulenten Weinen lieber noch ein paar Monate Ruhe gönnen würde.
   Schaffhausen ist Blauburgunder-land. Die brancheneigene Werbung hat es unlängst als griffiger Slogan entdeckt. Rund vier von fünf Rebstöcken tragen Trauben der Sorte Pinot noir. Auch bei den Baumanns ist das so. Ruedi spielt das ganze Blauburgunderregister: angefangen vom köstlichen Federweissen bis zum seriösen, burgunderhaften -R- aus der Lage Röti, die ihren Namen dem grösseren Eisenanteil im Boden verdankt.

Zwei Terroirs haben sich zum Guten addiert
Baumanns bekanntester Pinot noir ist der ZWAA. Ihm verdankt er den

Durchbruch. Der Wein ist Produkt einer gut geeichten Zusammenarbeit mit dem Winzer, Koch und Wirt Michael Meyer vom Bad Osterfingen. Er trägt den Namen beider Weingüter auf dem Etikett.
   Als Ruedi Baumann am 19. Oktober 1994 spätnachts mit dem Traktor zwei Standen Oberhallauer Blauburgundertrauben nach Osterfingen karrte, wurde er dort schon ungeduldig von Michael Meyer erwartet, der seinerseits 1500 Kilogramm seiner schönsten Trauben aus dem Badreben-Wingert bereitgestellt hatte. Die Ernte aus vorbildlich tiefem Ertrag von 500 Gramm pro Quadratmeter wurde zusammengelegt, in Osterfingen sorgfältig vergoren und anschliessend in Oberhallau in Barriques ausgebaut.
  Niemand hätte bei der Vernissage des ersten Jahrgangs den Erfolg des Weins prognostiziert und zu träumen gewagt, dass vom 2002er bereits 9000 Flaschen gefüllt würden. Zwei Terroirs haben sich zum Guten addiert: Der ZWAA bezieht den Körper und die Struktur vom kalkhaltigen Lehmboden in Oberhallau sowie die Finesse und Eleganz aus dem kiesigen Moränengrund von Bad Osterfingen. Anfänglich stets etwas streng und

holzbetont, öffnet sich der Wein nach einigen Reifejahren zu mannigfaltigen Facetten. Sowohl der 1997er wie der 1998er bieten heute schönsten Trinkgenuss.
   Pinot noir ist Ruedi Baumanns Passion, jedoch nicht seine einzige Stärke. Bemerkenswert eigenständig präsentieren sich auch seine weissen Burgunder-sorten: der Chardonnay wie auch das jüngste Kind, ein würzig-eleganter Pinot gris. Und wenn schon ZWAA, dann wirklich «zwaa»: Seit 2000 gibt es als ebenbürtigen Zweitling auch den weissen ZWAA, diesmal mit Chardonnay aus Oberhallau und Pinot blanc aus Osterfingen.
   Baumanns Weingut gedeiht. Es wäre eine Übertreibung, zu sagen, dass keine Wünsche mehr offen sind. Doch die Hoffnungen betreffen vordringlicher den örtlichen Lebensraum als den eigenen Betrieb. Das Paar wünschte sich, dass die Grenzen zum umgebenden Deutschland durchlässiger werden. Dass ein lebhafterer Tourismus Dynamik in die etwas ausgebremste Randregion bringen würde. Dann fühlte man sich im Klettgau weniger abgeschieden. Und der Weg zu ihnen wäre weniger erklärungsbedürftig.

Feine Tropfen aus Schaffhauser Kellereien

Baumanns Trouvaillen

Müller-Thurgau 2003
Frischfruchtig, delikat, Zitrusnote, trotz jahrgangsbedingter Opulenz viel Rasse, 12.60 Franken

Federweisser 2002
Weiss gekelterter Pinot noir: Himbeeren, kräftig, süffig, trocken, gradlinig, 13.40 Franken

Chardonnay Classique 2002
Dicht und gradlinig, mit gut eingebauter Holznote und frischer Säure, 23 Franken

Pinot gris 2002
Zitrus- und Birnennote, sehr stoffig, mit Finesse, Länge und perfektem Holztouch, 23 Franken

ZWAA weiss 2002
Eigenständige, komplexe, Cuvée aus Chardonnay und Weissburgunder, 30 Franken


Pinot noir Auslese 2002
Dunkle Beeren, ein Hauch von Röstaromen, saftige Säure, viel Schmelz, 17 Franken

Pinot noir -R- 2002
Mokkanoten, rote Beeren, stoffig, kräftige Struktur, schöne Fruchtsüsse, Schmelz, braucht Reifezeit, 28 Franken (ab April)

ZWAA 2002
Pinot noir aus Oberhallau und Bad Osterfingen, etwas ungehobelt, aber Kraft und Finesse, dekantieren oder noch vier Jahre reifen lassen, 32 Franken

Ruedi und Beatrice Baumann
Oberhallau,
Tel 052 681 33 46, www.baumannweingut.ch
Öffnungszeiten: jeden Samstag 8.00-12.00/13.30-17.00 oder nach Voranmeldung


Weitere gute Schaffhauser Weinbetriebe

Gasthaus und Weingut Bad Osterfingen, Michael Meyer
Bad Osterfingen, Tel 052 681 21 21, www.badosterfingen.ch
(u. a. Osterfinger Badrebe Barrique, ZWAA weiss und rot, 23.50 Franken)

Weingut Lindenhof,
Jakob Richli, Osterfingen
Tel 052 681 21 25, lindenhof@bluewin.ch
(u. a. Osterfingen Barrique, 24 Franken)

Weinstamm Kellerei
Mariann und Thomas Stamm
Thayngen, Tel 052 649 24 15, www.weinstamm.ch
(u. a. Thaynger Küferwein,
28 Franken)


Sunneberg-Kellerei
Markus & Katrin Hedinger
Wilchingen, Tel 052 681 25 72, www.hedinger.ch
(u. a. Hedinger Tradition,
22 Franken)

 

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