Von Martin Kilchmann
Sind die besten Schweizer Weine so gut, wie ihnen nachgesagt wird?
Bestehen sie gegen vergleichbare ausländische Gewächse aus
Anbaugebieten mit jahrhundertealter Reputation? Die SonntagsZeitung
wollte es wissen und organisierte eine grosse Blinddegustation in
vier Akten.
Für den Test mussten international verbreitete Rebsorten gewählt
werden. Einheimische Sorten wie die raren Walliser Spezialitäten
Petite Arvine oder Cornalin konnten nicht berücksichtigt werden.
Nicht weil mit ihnen kein Staat zu machen wäre, sondern weil sie
unvergleichlich sind.
Die Wahl fiel auf Chardonnay, Pinot noir, Syrah und Merlot. Pinot
noir und Merlot - der eine in der Ost- wie in der Westschweiz
dominierend, der andere unangefochten im Tessin - sind die beiden
wichtigsten Schweizer Rotweinsorten. Chardonnay und Syrah zählen in
der Schweiz zu den Spezialitäten mit respektabler Zuwachsrate in
jüngster Vergangenheit.
Das Prozedere: Aus jeder Sorte wurden vier erstklassige Schweizer
Vertreter ins Rennen geschickt. Ihre Herausforderer, je zwei pro
Kategorie, kommen aus den klassischen Weinregionen Frankreichs, des
Lands, das als Heimat aller vier Rebsorten gilt. Um möglichst viele
Winzer zu berücksichtigen, durfte ein Betrieb nur mit einem Wein
vertreten sein, auch wenn er vielleicht mit zwei oder gar drei
Sorten landesweit für Furore sorgt.
Hätten bloss Schweizer Tester die helvetischen Tropfen bewertet,
könnte der Jury Befangenheit vorgeworfen werden. Die Runde wurde
deshalb erweitert und mit gleichsam neutralen Weinfachleuten
ergänzt, deren Blickwinkel ein anderer ist: Master of Wine Philipp
Schwander ist für keine besondere Affinität zu Schweizer Weinen
bekannt. Seine Vorlieben gelten eher kräftigen Überseegewächsen und
den Klassikern aus Frankreich.
Stuart Pigott sind wohl die wenigsten Gewächse mit rotem Pass
geläufig. Der gebürtige Engländer, seit Jahren in Berlin lebende
Weinpublizist gehört zu den bunteren Hunden der Szene. Ebenso
bekannt für die Originalität und Unabhängigkeit seines Urteils wie
für seine kritische Feder, hat er sich mit mehreren Weinbüchern und
Kolumnen im deutschen und englischen Sprachraum hohes Ansehen
verschafft.
Zählt der Preis, schneiden die Schweizer Weissen noch besser ab
Wie ist das Spiel zwischen der Schweiz und Frankreich nun
ausgegangen? Es endete Remis 2:2. Die beiden Kontrahenten stellten
in je zwei Kategorien den Siegerwein oder die Mehrzahl der besten
Weine. In der Chardonnay- wie in der Pinot-Serie gewannen die
Eidgenossen, beim Syrah und beim Merlot schwangen die Franzosen
obenaus.
Das klare Verdikt in der Chardonnay-Gruppe überrascht nicht. Gegen
die frischen, fruchtbetonten, zugänglichen Schweizer Tropfen taten
sich die Weissen aus dem Burgund erwartungsgemäss schwer. Zählt der
Preis als zusätzliches Argument, so schneiden die Schweizer noch
besser ab. Den Burgundern zugute halten muss man, dass die gleiche
Probe in ein paar Jahren vielleicht umgekehrt ausfallen könnte, dass
diese besser altern und mit Terroirnoten aufwarten, wenn das
Schweizer Fruchtfeuerwerk verbrannt ist.
Für grösseres Erstaunen sorgte hingegen die Pinot-noir-Serie, will
doch niemand allen Ernstes behaupten, Schweizer Blauburgunder seien
grossen Burgundern überlegen. Handelt es sich bei den Vertretern der
Côte de Nuits oder Côte de Beaune allerdings nicht um absolute
Topgewächse, haben die helvetischen Spitzenweine freilich durchaus
ihre Chance. Vor allem, wenn es sich um den 1999er Gantenbein
handelt, der seine Güte schon mehrmals unter Beweis gestellt hat.
Zwei Worte müssen zur Ehrrettung der Burgunder allerdings fallen:
Der 2000er Chambertin von Damoy befindet sich zurzeit in einer
ungünstigen, kolossal tanninruppigen Phase, und der 1995er Charmes
von Geantet-Pansiot litt unter divergierendem Urteil. Die einen
schwärmten von seinem delikaten, ins Dunkle und Modrige zielende
Bouquet; die anderen konnten mit diesen grosse Burgunder
begleitenden Duftnoten nichts anfangen.
Stuart Pigott zeigt sich besonders beeindruckt von den Ticinesi
Unangefochten an die Spitze der Syrah-Gruppe setzte sich Colombos
Cornas. Am wenigsten geliebt wurde der teure Côte Rôtie von
Tardieu-Laurent, dessen Zeit vielleicht erst in zehn Jahren schlagen
wird. Dazwischen, sehr homogen, sorten- und herkunftstypisch: die
Walliser. Sie werden vermutlich immer etwas spröder und härter
bleiben als ihre Cousins vom unteren Rhonelauf, doch derartige
Charakterzüge passen ja zu Bewohnern des Alpenraums. Die
Syrah-Traube hat jedenfalls zwischen Visp und Martigny zu
ausgeprägtem Ausdruck gefunden!
Merlot schliesslich heisst Tessin und Bordeaux, auch wenn in vielen
dieser Weine der Cabernet ein Wörtchen mitzureden hat. An die Klasse
von Château Berliquet, einen der Aufsteiger aus Saint-Emilion, kamen
die Tessiner Gewächse nicht ganz heran. Doch insgesamt spielten sie
in der Schweizer Auswahl den Part der grössten Eigenständigkeit.
Stuart Pigott zeigte sich besonders beeindruckt von den Ticinesi.
Ihm gefiel ihre Unverwechselbarkeit: «Wir verkosteten keine Kopien
von Pomerol oder Italien. Wir trafen auf Weine, die in eine eigene
Richtung gehen», lobte er. Der zum Mittagessen gereichte Montagna
Magica 1991 von Daniel steht am Anfang dieser erfreulichen
Entwicklung. «Nun sind die Tessiner Winzer daran, bereits Erreichtes
zu verfeinern», fasst Pigott zusammen.
Diese Feststellung könnte zu einem Fazit der ganzen Probe führen:
Schweizer Weine bilden bei Gewächsen aus internationalen Sorten
längst nicht mehr das Schlusslicht. Sie vermögen mitzuhalten. Nun
muss diese Position selbstbewusst verfeinert und vertieft werden.
La grande nation gegen die kleine Schweiz: So degustierten die
Fachleute
Beim Vergleich degustierten: Andreas Keller
(Chefredaktor «marmite», Zürich), Ernst Meier (Werber und
Weinpublizist, Zürich), Eva Zwahlen (Weinjournalistin, Langnau),
Martin Kilchmann (Weinjournalist und Autor SonntagsZeitung,
Hergiswil), Stuart Pigott (Weinpublizist und Weinbuchautor, Berlin),
Susi Scholl (Weininformation, Zürich), Philipp Schwander (Master of
Wine und Weinhändler, Zürich) und Stefan Keller (Weinpublizist, Rüti)
Die Weine wurden verdeckt, in Unkenntnis von Etikett und
Flaschenform, in vier Serien verkostet.
Bewertet wurde nach der bewährten 20-Punkte-Skala. 14 bis 16 Punkte
bedeuten darauf «gut»; 16 bis 18 «sehr gut»; über 18 Punkte
«hervorragend».
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Die Resultate - Pinot Noir
Tiefgründig
Pinot noir aus Fläsch 1999, Martha und Daniel Gantenbein,
Fläsch
18,5 Punkte
Kräftiges, dunkles Rot; tiefgründige Nase, rote Früchte,
Kirschen, rauchig, pinottypisch; im Gaumen sehr konzentriert,
reife, rote Früchte, fast seidige Tannine, gut eingebettetes
Holz, passende Säure; lang anhaltend. Raffinierter, komplexer
Wein.
Gantenbein, Fläsch, Tel. 081 302 47 88, Fax 081 330 72 23, 42
Franken, ausverkauft
Facettenreich
Pinot noir «R» 2000, Baumann
Weingut, Oberhallau
18 Punkte
Dunkles, jugendliches Rot; vielschichtiges Bouquet, rote Beeren,
Röstaromen, Holz gut eingebunden; im Gaumen dicht und
konzentriert, seidige Tannine, saftige Säure, deutliche
Holzprägung; nachhhaltig, mit feiner Süsse. Sehr schöner,
facettenreicher Wein mit Zukunft, der vielleicht etwas
angestrengt wirkt (Eiche).
Familie Baumann, Oberhallau, Tel. 052 681 33 46,
www.baumannweingut.ch,
28 Franken, Jahrgang 2000 ausverkauft
Kantig
Chambertin Grand Cru 2000, Domaine Pierre Damoy,
Gevrey-Chambertin
17,5 Punkte
Dunkles, jugendliches Rot; in der Nase verschlossen, nach
Belüftung süsse Pinot-Frucht, Kirschen, Waldbeeren; im Geschmack
straff und dicht, markante Säure, kräftiges, noch ungehobelt
wirkendes Tannin; kräftig und nachhaltig im Abgang. Etwas
kantiger, jugendlicher Wein, der noch zulegen kann.
Müller, Wattwil, Tel. 071 988 38 33, www.mueller-weine.ch, 125
Franken
Delikat
Charmes-Chambertin Grand Cru 1995, Geantet-Pansiot,
Gevrey-Chambertin
17,5 Punkte
Dunkles, leicht gereiftes Rot; delikate, verführerische
Pinot-Aromatik, rote Beeren, Kirschen, Geruch nach Waldboden; im
Gaumen wuchtig mit strengem (Holz-)Tannin; nachhaltige
Pinot-Aromatik im Abgang. Etwas umstrittener Wein
(Überextraktion?), der aber wohl vor einer viel versprechenden
Zukunft steht.
Müller, Wattwil, Tel. 071 988 38 33, www.mueller-weine.ch, 96
Franken
Süffig
Schlossgut Bachtobel Pinot noir No 3 «der Andere» 2000,
Hans Ulrich Kesselring, Ottoberg
17 Punkte
Dunkles, leicht gereiftes Rot; in der Nase rote und schwarze
Beeren, Kirschen, Gummi, Landweinassoziationen; im Geschmack
vollmundig, rauchig-saftig, harmonisch; gute Länge. Runder,
gefälliger Wein, für Pigott süffiger Essensbegleiter mit Charme,
aber wenig Tiefe.
Schlossgut Bachtobel, Ottoberg, Tel. 071 622 54 07, h.kesselring@bluewin.ch,
26 Franken, Jahrgang 2000 ausverkauft
Gefällig
Graf Zeppelin Réserve 2000, Grillette Domaine de Cressier
17 Punkte
Mittleres, leicht gereiftes Rot; im Bouquet starke Holzprägung,
Röstaromen, rote Beeren; im Gaumen mittelgewichtig,
rauchig-würzig, Aromen von gekochten Früchten und viel Holz;
nachhaltig. Gefälliger Wein, der vor allem von Pigott wegen
säuerlich-herb-grüner Note kritisiert wird.
Domaine de Cressier, Cressier, Tel. 032 758 85 29,
www.grillette.ch, 28 FrankenStuart Pigotts Noten
Gantenbein: 17 Punkte
«R», Baumann: 17 Punkte
Chambertin, Damoy: 18 Punkte
Charmes-Chambertin, Geantet-Pansiot: 14.5 Punkte
No 3, Kesselring: 16 Punkte
Graf Zeppelin, Grillette: 14 Punkte |
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