Allez la France? Hopp Schwiiz!  

Chardonnay, Pinot noir, Syrah, Merlot: Die Schweizer müssen sich vor den Franzosen nicht verstecken
 

© SonntagsZeitung; 2002-12-08; Seite 102
Trend

Von Martin Kilchmann

Sind die besten Schweizer Weine so gut, wie ihnen nachgesagt wird? Bestehen sie gegen vergleichbare ausländische Gewächse aus Anbaugebieten mit jahrhundertealter Reputation? Die SonntagsZeitung wollte es wissen und organisierte eine grosse Blinddegustation in vier Akten.
Für den Test mussten international verbreitete Rebsorten gewählt werden. Einheimische Sorten wie die raren Walliser Spezialitäten Petite Arvine oder Cornalin konnten nicht berücksichtigt werden. Nicht weil mit ihnen kein Staat zu machen wäre, sondern weil sie unvergleichlich sind.
Die Wahl fiel auf Chardonnay, Pinot noir, Syrah und Merlot. Pinot noir und Merlot - der eine in der Ost- wie in der Westschweiz dominierend, der andere unangefochten im Tessin - sind die beiden wichtigsten Schweizer Rotweinsorten. Chardonnay und Syrah zählen in der Schweiz zu den Spezialitäten mit respektabler Zuwachsrate in jüngster Vergangenheit.
Das Prozedere: Aus jeder Sorte wurden vier erstklassige Schweizer Vertreter ins Rennen geschickt. Ihre Herausforderer, je zwei pro Kategorie, kommen aus den klassischen Weinregionen Frankreichs, des Lands, das als Heimat aller vier Rebsorten gilt. Um möglichst viele Winzer zu berücksichtigen, durfte ein Betrieb nur mit einem Wein vertreten sein, auch wenn er vielleicht mit zwei oder gar drei Sorten landesweit für Furore sorgt.
Hätten bloss Schweizer Tester die helvetischen Tropfen bewertet, könnte der Jury Befangenheit vorgeworfen werden. Die Runde wurde deshalb erweitert und mit gleichsam neutralen Weinfachleuten ergänzt, deren Blickwinkel ein anderer ist: Master of Wine Philipp Schwander ist für keine besondere Affinität zu Schweizer Weinen bekannt. Seine Vorlieben gelten eher kräftigen Überseegewächsen und den Klassikern aus Frankreich.
Stuart Pigott sind wohl die wenigsten Gewächse mit rotem Pass geläufig. Der gebürtige Engländer, seit Jahren in Berlin lebende Weinpublizist gehört zu den bunteren Hunden der Szene. Ebenso bekannt für die Originalität und Unabhängigkeit seines Urteils wie für seine kritische Feder, hat er sich mit mehreren Weinbüchern und Kolumnen im deutschen und englischen Sprachraum hohes Ansehen verschafft.

Zählt der Preis, schneiden die Schweizer Weissen noch besser ab

Wie ist das Spiel zwischen der Schweiz und Frankreich nun ausgegangen? Es endete Remis 2:2. Die beiden Kontrahenten stellten in je zwei Kategorien den Siegerwein oder die Mehrzahl der besten Weine. In der Chardonnay- wie in der Pinot-Serie gewannen die Eidgenossen, beim Syrah und beim Merlot schwangen die Franzosen obenaus.
Das klare Verdikt in der Chardonnay-Gruppe überrascht nicht. Gegen die frischen, fruchtbetonten, zugänglichen Schweizer Tropfen taten sich die Weissen aus dem Burgund erwartungsgemäss schwer. Zählt der Preis als zusätzliches Argument, so schneiden die Schweizer noch besser ab. Den Burgundern zugute halten muss man, dass die gleiche Probe in ein paar Jahren vielleicht umgekehrt ausfallen könnte, dass diese besser altern und mit Terroirnoten aufwarten, wenn das Schweizer Fruchtfeuerwerk verbrannt ist.
Für grösseres Erstaunen sorgte hingegen die Pinot-noir-Serie, will doch niemand allen Ernstes behaupten, Schweizer Blauburgunder seien grossen Burgundern überlegen. Handelt es sich bei den Vertretern der Côte de Nuits oder Côte de Beaune allerdings nicht um absolute Topgewächse, haben die helvetischen Spitzenweine freilich durchaus ihre Chance. Vor allem, wenn es sich um den 1999er Gantenbein handelt, der seine Güte schon mehrmals unter Beweis gestellt hat.
Zwei Worte müssen zur Ehrrettung der Burgunder allerdings fallen: Der 2000er Chambertin von Damoy befindet sich zurzeit in einer ungünstigen, kolossal tanninruppigen Phase, und der 1995er Charmes von Geantet-Pansiot litt unter divergierendem Urteil. Die einen schwärmten von seinem delikaten, ins Dunkle und Modrige zielende Bouquet; die anderen konnten mit diesen grosse Burgunder begleitenden Duftnoten nichts anfangen.

Stuart Pigott zeigt sich besonders beeindruckt von den Ticinesi

Unangefochten an die Spitze der Syrah-Gruppe setzte sich Colombos Cornas. Am wenigsten geliebt wurde der teure Côte Rôtie von Tardieu-Laurent, dessen Zeit vielleicht erst in zehn Jahren schlagen wird. Dazwischen, sehr homogen, sorten- und herkunftstypisch: die Walliser. Sie werden vermutlich immer etwas spröder und härter bleiben als ihre Cousins vom unteren Rhonelauf, doch derartige Charakterzüge passen ja zu Bewohnern des Alpenraums. Die Syrah-Traube hat jedenfalls zwischen Visp und Martigny zu ausgeprägtem Ausdruck gefunden!
Merlot schliesslich heisst Tessin und Bordeaux, auch wenn in vielen dieser Weine der Cabernet ein Wörtchen mitzureden hat. An die Klasse von Château Berliquet, einen der Aufsteiger aus Saint-Emilion, kamen die Tessiner Gewächse nicht ganz heran. Doch insgesamt spielten sie in der Schweizer Auswahl den Part der grössten Eigenständigkeit.
Stuart Pigott zeigte sich besonders beeindruckt von den Ticinesi. Ihm gefiel ihre Unverwechselbarkeit: «Wir verkosteten keine Kopien von Pomerol oder Italien. Wir trafen auf Weine, die in eine eigene Richtung gehen», lobte er. Der zum Mittagessen gereichte Montagna Magica 1991 von Daniel steht am Anfang dieser erfreulichen Entwicklung. «Nun sind die Tessiner Winzer daran, bereits Erreichtes zu verfeinern», fasst Pigott zusammen.
Diese Feststellung könnte zu einem Fazit der ganzen Probe führen: Schweizer Weine bilden bei Gewächsen aus internationalen Sorten längst nicht mehr das Schlusslicht. Sie vermögen mitzuhalten. Nun muss diese Position selbstbewusst verfeinert und vertieft werden.


La grande nation gegen die kleine Schweiz: So degustierten die Fachleute

Beim Vergleich degustierten: Andreas Keller (Chefredaktor «marmite», Zürich), Ernst Meier (Werber und Weinpublizist, Zürich), Eva Zwahlen (Weinjournalistin, Langnau), Martin Kilchmann (Weinjournalist und Autor SonntagsZeitung, Hergiswil), Stuart Pigott (Weinpublizist und Weinbuchautor, Berlin), Susi Scholl (Weininformation, Zürich), Philipp Schwander (Master of Wine und Weinhändler, Zürich) und Stefan Keller (Weinpublizist, Rüti)

Die Weine wurden verdeckt, in Unkenntnis von Etikett und Flaschenform, in vier Serien verkostet.

Bewertet wurde nach der bewährten 20-Punkte-Skala. 14 bis 16 Punkte bedeuten darauf «gut»; 16 bis 18 «sehr gut»; über 18 Punkte «hervorragend».

 

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Die Resultate - Pinot Noir


Tiefgründig


Pinot noir aus Fläsch 1999, Martha und Daniel Gantenbein, Fläsch
18,5 Punkte
Kräftiges, dunkles Rot; tiefgründige Nase, rote Früchte, Kirschen, rauchig, pinottypisch; im Gaumen sehr konzentriert, reife, rote Früchte, fast seidige Tannine, gut eingebettetes Holz, passende Säure; lang anhaltend. Raffinierter, komplexer Wein.
Gantenbein, Fläsch, Tel. 081 302 47 88, Fax 081 330 72 23, 42 Franken, ausverkauft

Facettenreich

Pinot noir «R» 2000, Baumann Weingut, Oberhallau
18 Punkte
Dunkles, jugendliches Rot; vielschichtiges Bouquet, rote Beeren, Röstaromen, Holz gut eingebunden; im Gaumen dicht und konzentriert, seidige Tannine, saftige Säure, deutliche Holzprägung; nachhhaltig, mit feiner Süsse. Sehr schöner, facettenreicher Wein mit Zukunft, der vielleicht etwas angestrengt wirkt (Eiche).
Familie Baumann, Oberhallau, Tel. 052 681 33 46, www.baumannweingut.ch,
28 Franken, Jahrgang 2000 ausverkauft

Kantig

Chambertin Grand Cru 2000, Domaine Pierre Damoy, Gevrey-Chambertin
17,5 Punkte
Dunkles, jugendliches Rot; in der Nase verschlossen, nach Belüftung süsse Pinot-Frucht, Kirschen, Waldbeeren; im Geschmack straff und dicht, markante Säure, kräftiges, noch ungehobelt wirkendes Tannin; kräftig und nachhaltig im Abgang. Etwas kantiger, jugendlicher Wein, der noch zulegen kann.
Müller, Wattwil, Tel. 071 988 38 33, www.mueller-weine.ch, 125 Franken

Delikat

Charmes-Chambertin Grand Cru 1995, Geantet-Pansiot, Gevrey-Chambertin
17,5 Punkte
Dunkles, leicht gereiftes Rot; delikate, verführerische Pinot-Aromatik, rote Beeren, Kirschen, Geruch nach Waldboden; im Gaumen wuchtig mit strengem (Holz-)Tannin; nachhaltige Pinot-Aromatik im Abgang. Etwas umstrittener Wein (Überextraktion?), der aber wohl vor einer viel versprechenden Zukunft steht.
Müller, Wattwil, Tel. 071 988 38 33, www.mueller-weine.ch, 96 Franken

Süffig

Schlossgut Bachtobel Pinot noir No 3 «der Andere» 2000, Hans Ulrich Kesselring, Ottoberg
17 Punkte
Dunkles, leicht gereiftes Rot; in der Nase rote und schwarze Beeren, Kirschen, Gummi, Landweinassoziationen; im Geschmack vollmundig, rauchig-saftig, harmonisch; gute Länge. Runder, gefälliger Wein, für Pigott süffiger Essensbegleiter mit Charme, aber wenig Tiefe.
Schlossgut Bachtobel, Ottoberg, Tel. 071 622 54 07, h.kesselring@bluewin.ch, 26 Franken, Jahrgang 2000 ausverkauft

Gefällig

Graf Zeppelin Réserve 2000, Grillette Domaine de Cressier
17 Punkte
Mittleres, leicht gereiftes Rot; im Bouquet starke Holzprägung, Röstaromen, rote Beeren; im Gaumen mittelgewichtig, rauchig-würzig, Aromen von gekochten Früchten und viel Holz; nachhaltig. Gefälliger Wein, der vor allem von Pigott wegen säuerlich-herb-grüner Note kritisiert wird.
Domaine de Cressier, Cressier, Tel. 032 758 85 29, www.grillette.ch, 28 Franken

Stuart Pigotts Noten

Gantenbein: 17 Punkte
«R», Baumann: 17 Punkte
Chambertin, Damoy: 18 Punkte
Charmes-Chambertin, Geantet-Pansiot: 14.5 Punkte
No 3, Kesselring: 16 Punkte
Graf Zeppelin, Grillette: 14 Punkte